Das Frederiksborger Pferd

 

                                           Karussellbild: Prins Jørgen (1653 – 1708) und der
                                           Hengst Svaan in der Piaffe auf der Reitbahn beim
                                         Schloss Frederiksborg, mit "Sparepenge" im Hintergrund.
                                                 (ständige Ausstellung Schloss Rosenborg)


            Aufstieg und Fall des Frederiksborger Gestüts

                                                        von Anne Fjelbro Petersen

In den letzten Jahrhunderten sicherte sich Dänemark seinen Wohlstand und seine Macht nicht nur durch Fischfang und Sundzoll, sondern auch durch regen internationalen Handel. Ein übliches Handelsgut und Markenprodukt war vom Mittelalter bis ins 17. Jahrhundert das Pferd. Die dänischen Feudalherren und Könige bestritten in dieser Zeit einen Teil ihrer Einkünfte aus der Zucht und dem Verkauf des „Dänischen Pferdes“. Diese Rasse war in großen Teilen Europas sehr gefragt. Beim Handel mit Zuchttieren kam das kleine Land im Norden in regen Kontakt mit Pferdezuchtländern wie Spanien, Italien und England.

Nach der Reformation in Dänemark im Jahre 1536 wurde das ehemalige Land der Kirche auf Christian III. (1503 - 1559) übertragen.
Sein Sohn, Frederik II. (1534-1588) fand Interesse an der Pferdezucht und tauschte zur Vergrößerung seiner Ländereien mehrmals Besitztümer, darunter im Jahre 1560 "Hillerödsholm" im Norden von Seeland. Das königliche Gestüt Frederiksborg entand. Auf dem Land des Anwesens ließ er als namentliche Hommage an seine Regentschaft das Schloß "Frederiksborg" bauen.
In Hinsicht auf die Bedeutungssteigerung und Sicherung der Vormachtstellung von Schloss Frederiksborg beginnt Frederik II. mit der Zentralisierung des Pferdezuchtbetriebes in Nordseeland. Es gab bis dahin zwar königliche oder vom Adel geführte Gestüte, jedoch verteilt in ganz Dänemark. Ab etwa 1610 liegen die königlichen Gestüte primär auf Seeland - mit den Zentren Schloß Frederiksborg und Esrum Kloster.
 
 

        Christian der IV. vor dem Schloss Frderiksborg, das Lustschloss Sparepenge sieht man im Hintergrund rechts   

 
Im Jahre 1586 stellt Frederik II. zum Aufbau seines Gestüts
einen der zur damaligen Zeit bekanntesten Stallmeister Europas ein, nämlich Georg Engelhard von Löhneysen (1552-1622). Dieser übernahm sowohl die Organisation des Zuchtbetriebs als auch die Schulung der Pferde.
Von Löhneysen hat auf Anweisung des Königs Hengste aus Italien, Spanien und Pferde aus Friesland, für die der König ebenfalls eine Vorliebe hatte, importieren lassen.
Nach Anweisungen von Löhneysen hat in nächster Generation Christian IV., der Sohn Frederiks, den Ausbau des Zuchtbetriebes weitergeführt. Löhneysen besaß großen Einfluss auf das Königshaus und inszenierte sogar im Oktober 1603 einen Besuch Christian des IV. in Hamburg.
Christian IV. (1577-1648) war ein Pferdekenner und passionierter Reiter mit ästhetischen Vorstellungen. Sein Zuchtziel orientierte sich an den Pferdetypen, die für die Hohe Schule und das repräsentative Fahren geeignet waren. Dabei handelte es sich um Pferde mit besonderen Fellfarben und erhabenen Gängen.
Die ersten Aufzeichnungen über den Zuchtbetrieb findet man in seinen Tagebüchern
Aus diesen geht hervor, welche Hengste als Zuchthengste eingesetzt und mit welchen Stuten angepaart wurden. Man experimentierte mit verschiedenen Typen von Hengsten: mit Spaniern, Neopolitanern, Friesen, Arabern oder englischen Passgängern(Trotter).

 

                                                                  Christian IV.


Wie sein Vater importierte Christian IV. auch friesische Pferde. Aus den Quellen geht hervor, dass viele Pferde auf Schloss Frederiksborg von Christian IV. selber zugeritten worden sind. Außerdem führte er das Brandmarken („Brennen“) der Pferde ein. Als betriebsamer Bauherr er trieb nicht nur den Umbau von Schloss Frederiksborg zum Barockschloss voran, sondern erweiterte auch die nahe gelegenen Zuchteinrichtungen.
Im Sinne der Ästhetik des Barocks lässt Christian IV. in den Jahren 1599 bis 1601 im Garten von Frederiksborg ein kleines Lustschloß namens "Sparepenge“ bauen. Dort konnten für Veranstaltungen oder zum Amüsement 300 Pferde untergebracht werden. „Sparepenge“ beherbergte außerdem die königlichen Sammlungen kostbaren Sattelzeugs und reicher Paradewaffen. Ebenfalls aus der Zeit Christian IV. stammen die
Karussellbilder auf Schloss Rosenborg, die Pferd und Reiter bei den Übungen der „Hohen Schule“ zeigen, wie sie auch heute noch in traditionellen Reitakademien (z.B. in Wien) eingeübt werden.

Mit der Regentschaft von Christian V. (Christian IV.'s Enkel; 1646-
1699) beginnt eine erfolgreiche Periode für das
Gestüt. Christian V. war, genauso wie sein Onkel, nicht nur ein hervorragender Reiter, sondern besaß auch genügenden Einblick in die Arbeit des Gestüts, um abermals die richtigen Fachleute anzustellen.
Zwei der prominenteren Persönlichkeiten waren Baron Anton Wolf von Haxthausen (1629-1694) und Georg Simon Winter von Adlersflügel (1629-1701). Von Adlersflügel kam im Jahre 1656 nach Frederiksborg. Er fungierte als Zuchtleiter und übernahm auch die reiterliche Ausbildung der Pferde.
Im Jahre 1690 entstanden neue Zuchtregeln: Man beendete
die mehr oder weniger zufällige Paarung der vorhandenen Hengste und Stuten
und begann eine stringente Zucht, die primär auf der Zucht von Pferden gleichen Typs und gleicher Farbe beruhte.

Als Nachfolger Christian des V., interessierte sich auch sein Sohn Frederik IV. (1671-1730) sehr für die Pferdezucht und feinere Reitkunst. Sein bevorzugter Pferdetyp blieb
das spanische Pferd, weshalb Frederik IV. mehrere spanische Hengste importieren ließ.
Die gewünschte Wirkung auf die Frederiksborger Zucht blieb zunächst aus, prägte jedoch den Pferdetypus folgender Generationen.
Um anderen europäischen Königshäusern zu imponieren, verschenkte der König regelmäßig Pferde aus seinem Gestüt, was den Bestand von wertvollen Zuchttieren leider wesentlich dezimierte.
Zum Beispiel soll der französische König Ludvig XV. (1710-1774) etwa fünfzig Frederiksborger Pferde als Geschenk vom dänischen König empfangen haben.
Im Jahre 1704 wurde ein neues Zuchtreglement für das Frederiksborger Pferd eingeführt, wonach jedes Tier mit passendem Brandzeichen zu versehen war, um Geburtsjahr und Abstammung eindeutig identifizieren zu können. Jeder Zuchthengst bekam, ebenso wie die ihm zugeordneten Stuten, ein eigenes Brandzeichen. Die Pferde liefen – sortiert nach ausgesuchten Merkmalen wie Farben etc. - in kleinen Herden frei in so genannten „vangen“ –  Wald- und Wiesenstücke, die durch Mauern voneinander getrennt waren.

 

                      Lithografie von Gebauer (aus: Rasmussen/ Möller: Heste i Danmark 2007)
 

Mit der Aufzeichnung in Form von Jahresbüchern begann man 1720.
Aus den Jahresbüchern geht hervor, welche Stuten mit welchem Zuchthengst zusammen liefen und welcher Hengst der der Muttervater war. Für jede Stute ist angegeben, ob sie im fraglichen Jahr Fohlen hatte. Darüber hinaus wurden besondere Beobachtungen und wichtige Informationen notiert.
Noch heute existieren Hengstlisten derjenigen Hengste, die dem Gestüt in dieser Zeit als Deck- und Reservehengste zur Verfügung standen.

Christian VI. (1699-1746) teilte ebenfalls die Pferdepassion und erweiterte den Pferdebestand des Gestüts erheblich.
Vorher waren am Hofe etwa 200 Pferde im Einsatz, durch Christian VI. wurde der Bestand
auf 250 Stück erhöht - Zuchtstuten und Aufzucht extra gerechnet.
Es wurden weitere Stalleinrichtungen sowohl in Hilleröd als auch Fredensborg gebaut. Im Jahre 1740 wurde der große Marstall mit Reithalle auf Schloss Christiansborg in Kopenhagen fertiggestellt. Obwohl Christian VI. eher pietistisch veranlagt war, leistete er sich das Rokoko - Ensemble als absolutistisches Repräsentationsobjekt. Im höfischen Leben waren Reitkunst und prestigeträchtige Pferde fest verankert.

Dem glaubenstreuen Christian VI. folgte sein diametral gegensätzlicher Sohn Frederik V. (1723 - 1766). In dessen Regierungszeit wurden dem Gestüt keine neuen Hengste von außerhalb zugeführt, so dass eine Intensivzucht der Frederiksborger stattfinden konnte. Leider fand  in der Zeit der Konsolidierung der Rasse eine kleine tierzuchtgeschichtliche Katastrophe statt: es grassierte eine Pferdeepidemie, besonders Seeland war in den Jahren 1750 bis 1760 vom so genannten "Pferdetod" betroffen. Der Pferdebestand des Gestüts dezimierte sich daraufhin stark.
Während dieser Periode begann J.F. J. Saly seine Arbeit am berühmten Reiterstandbild, das noch heute auf dem Schlossplatz vor Schloss Amalienborg in Kopenhagen steht. Das Denkmal zu Ehren Frederiks V. zeigt ihn als Reiter auf einem perfekt dimensionierten Frederiksborger Pferd: 12 Hengste des Gestütes standen der Statue Modell.

In den nächsten Jahrzehnten geht es während der Regentschaft von Christian VII. (1749-1808) mit dem königlichen Gestüt Frederiksborg zu Ende.
J. F. Struensee (1732-1772), der die Regierungsgeschäfte des kranken Königs übernahm, versuchte mehrmals, das teure Gestüt zu schließen, um die Pferdezucht zu beenden. Erst  kurz vor seiner Absetzung und  Enthauptung im Jahre 1772 gelang es ihm noch, das Gestüt zu verkleinern. Ein großer Teil der Zuchtpferde wurde im Jahre 1771 versteigert. Das Gestüt erholte sich nie mehr von diesem vitalen Aderlass.

Studie des Lipizzaner Typs der Pluto Linie (aus www.lippizaner-netz)


Eines der versteigerten Pferde war der Hengst Pluto (1765)., der zum Begründer einer der drei Hauptlinien in der Lipizzanerzucht wurde.
Nach J.F. Struensees Tod versucht man, den Zuchtbetrieb auf seine ehemalige Stärke zu bringen. Leider blieben diese Bemühungen erfolglos, da es Fruchtbarkeitsprobleme bei den Stuten gab und die Qualität der Restbestände zu wünschen übrig ließ.

Während der Regierungszeit von Frederik VI. (1768 - 1839) fohlte nur knapp 1/3 der Stuten in den schlechtesten Jahren. Hinzu kam, dass das Gestüt falsch geleitet wurde und Geldmittel fehlten.

Die Kriegstaktik in den Napoleonischen Kriegen am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts erforderte neue Pferdetypen. Gefragt war das schnelle Kampagnepferd mit Vollblut, - Araber, - oder Berbereinschlag für schnelle Attacken.
Der alte, eher barocke Typ des Frederiksborger Gestüts wurde nicht länger benötigt. Um die Zucht zu modernisieren wurden in den Jahren 1820 bis 1840 unzählige englische Pferde, meist Vollblüter, eingekauft und - mit variierendem Erfolg -  mit der alten
Zuchtrasse gekreuzt.

Der Schwager Christian des VIII., nämlich der Herzog von Augustenburg, übernahm eine Zeit lang die Leitung des Gestüts. Der „Anglomanie“ verfallen, unterschrieb er sozusagen das Todesurteil der alten Zucht.
Im Oktober 1840 wurde mit Unterstützung des Regenten beschlossen, dass das
königliche Gestüt künftig ausschließlich Vollblutzucht betreiben sollte.
Man behielt sich jedoch vor, Pferde vom weißen Bestand, die weiterhin als repräsentative Gespannpferde für die königliche Staatskarosse eingesetzt werden sollten, nachzuzüchten. Dazu kaufte man einzelne Pferde der alten Zucht zurück. Leider zu spät, um die alten Rasseideale erhalten zu können.
Im Jahre 1871 wurden die traurigen Reste der Frederiksborger an den Geschäftsmann C. F. Tietgen verkauft. In einem von ihm privat gegründeten Gestüt wurden die Restbestände der Rasse verwaltet. Fünf Jahre später muss Tietgen das Projekt aufgeben:
Die wenigen übrig gebliebenen Pferde des ehemals berühmten königlichen Gestüts Frederiksborg wurden versteigert und im Lande verstreut.
 



Karussellbild: Prins Jørgen (1653 – 1708) und der Hengst
„Pompeux“ in der Kapriole mit Schloß Antvorskov im Hintergrund.
(ständige Ausstellung Schloss Rosenborg)